Ein persönlicher Beitrag von Ulrich Strobel
Wenn ich an den Wert eines Kinderbuches denke, sehe ich nicht zuerst die gedruckten Seiten oder die Illustrationen. Ich denke vielmehr an ein Kind, das gespannt einer Geschichte zuhört, mit großen Augen die Bilder betrachtet und plötzlich eine Frage stellt, auf die selbst ein Erwachsener nicht unmittelbar eine Antwort hat.
Genau diese Momente sind es, die für mich den besonderen Wert eines Buches ausmachen.
Ein Bilderbuch schafft einen Raum, in dem Kinder und Erwachsene miteinander in Kontakt treten. Es entstehen Gespräche, Fragen, gemeinsame Überlegungen und manchmal ganz unerwartete Gedanken.
Natürlich können solche Begegnungen auch durch digitale Medien entstehen. Aber ein gedrucktes Buch besitzt eine bemerkenswerte Einfachheit. Es lenkt nicht durch eingehende Nachrichten, Werbung oder zusätzliche Anwendungen ab. Es muss nicht aufgeladen werden und fordert nicht ständig dazu auf, etwas Neues auszuwählen.
Es lädt schlicht dazu ein, sich auf eine Geschichte einzulassen.
In einer Welt, in der nahezu alles schneller, unmittelbarer und technischer wird, empfinde ich gerade diese Einfachheit als besondere Stärke.
Wir sollten deshalb nicht nur fragen, wie modern unsere Bildungseinrichtungen ausgestattet sind. Wir sollten auch fragen, ob Kinder dort ausreichend Gelegenheit erhalten, innezuhalten, zuzuhören, nachzudenken und ihre Fantasie zu entfalten.
Warum die Fantasie eines Kindes nicht vollständig vorgegeben werden sollte
Ein wesentlicher Unterschied zwischen vielen digitalen Unterhaltungsangeboten und dem klassischen Buch liegt meiner Ansicht nach darin, wie Kinder Inhalte wahrnehmen.
Bei einem Film werden Stimmen, Bewegungen, Geräusche und weite Teile der dargestellten Welt bereits vorgegeben.
Wenn ein Kind dagegen eine Geschichte hört, entsteht vieles erst in seiner eigenen Vorstellung.
Wie sieht das Schloss aus, in dem der kleine Drache lebt? Welche Stimme hat der alte Bär? Wie groß ist der geheimnisvolle Wald, und was verbirgt sich hinter seinen Bäumen?
Selbst wenn ein Bilderbuch Illustrationen enthält, bleiben viele Einzelheiten offen.
Das Kind ergänzt die Geschichte durch eigene Vorstellungen, Erinnerungen und Erfahrungen.
Ich halte diese Fähigkeit, eigene innere Bilder zu entwickeln, für außerordentlich wertvoll.
Denn Fantasie ist nicht nur eine Grundlage kreativer Beschäftigung. Sie ermöglicht uns auch, neue Ideen zu entwickeln, alternative Lösungen zu erkennen und uns Situationen vorzustellen, die wir selbst noch nicht erlebt haben.
Diese Fähigkeiten werden auch in einer zukünftigen, stark von künstlicher Intelligenz geprägten Arbeits- und Lebenswelt von Bedeutung sein.
Gerade deshalb erscheint es mir widersprüchlich, wenn wir einerseits von Kindern mehr Kreativität und selbstständiges Denken erwarten, ihnen andererseits aber immer häufiger vollständig vorgefertigte Erlebniswelten anbieten.
Ich bin überzeugt: Kinder benötigen nicht für jede Geschichte eine Animation und nicht für jede Erfahrung eine digitale Anwendung.
Manchmal reicht ein gutes Buch aus, damit im Kopf eines Kindes eine ganze Welt entsteht.
Sprachentwicklung beginnt nicht mit dem ersten Schulbuch
Eine der größten Leistungen guter Kinderliteratur sehe ich in ihrer Bedeutung für die sprachliche Entwicklung.
Sprache ist die Grundlage nahezu aller Bildungsprozesse.
Ein Kind, das seine Gedanken ausdrücken kann, besitzt bessere Möglichkeiten, Fragen zu stellen, Bedürfnisse mitzuteilen und soziale Beziehungen zu gestalten.
Doch Sprache entwickelt sich nicht allein dadurch, dass Kinder Wörter hören.
Sie benötigen Gespräche, Wiederholungen, Erklärungen und die Gelegenheit, selbst zu erzählen.
Genau hier können Kinderbücher eine wichtige Rolle übernehmen.
Beim gemeinsamen Vorlesen begegnen Kinder Wörtern und Formulierungen, die im alltäglichen Sprachgebrauch möglicherweise seltener vorkommen.
Sie erfahren, wie Geschichten aufgebaut sind, wie unterschiedliche Ereignisse zusammenhängen und wie Gedanken sprachlich ausgedrückt werden können.
Besonders wertvoll finde ich die Gespräche, die dabei entstehen.
Wenn ein Kind fragt, warum eine Figur traurig ist, beschäftigt es sich nicht nur mit dem Inhalt der Geschichte. Es versucht, Gefühle zu verstehen und diese in Worte zu fassen.
Wenn ein anderes Kind erzählt, wie die Geschichte seiner Meinung nach weitergehen könnte, übt es, eigene Gedanken zusammenhängend auszudrücken.
Es sind alltägliche Situationen, die von außen betrachtet unspektakulär erscheinen mögen.
Aber genau solche Erfahrungen bilden die Grundlage für spätere sprachliche und schulische Entwicklung.
Aus diesem Grund sollte die regelmäßige Beschäftigung mit Büchern meiner Ansicht nach nicht als zusätzliche Beschäftigung betrachtet werden, für die nur Zeit bleibt, wenn andere Aufgaben erledigt sind.
Sie gehört vielmehr zum Kern einer guten frühkindlichen Bildung.
Ein Buch kann Kindern helfen, die eigenen Gefühle zu verstehen
Kinder erleben ihre Gefühle häufig sehr intensiv.
Sie können innerhalb weniger Augenblicke begeistert, enttäuscht, ängstlich oder wütend sein. Gleichzeitig fehlen ihnen gerade in jungen Jahren oftmals noch die Worte, um diese Gefühle zu beschreiben.
Geschichten bieten hier einen geschützten Zugang.
Ein Kind, das sich selbst nicht traut, über seine Angst zu sprechen, kann vielleicht sehr gut erzählen, warum der kleine Hase in einem Bilderbuch Angst hat.
Eine Geschichte über Streit zwischen Freunden kann dazu führen, dass Kinder über eigene Erfahrungen sprechen, ohne sich unmittelbar rechtfertigen oder erklären zu müssen.
Das finde ich besonders wertvoll.
Denn Bildung bedeutet für mich nicht nur, Wissen aufzunehmen und später wiedergeben zu können.
Sie bedeutet auch, sich selbst und andere Menschen besser zu verstehen.
Ein gutes Kinderbuch kann dabei helfen, Mitgefühl zu entwickeln, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen und gemeinsam über Lösungen nachzudenken.
Natürlich wird nicht jedes Kind durch dieselbe Geschichte auf die gleiche Weise erreicht.
Und Bücher ersetzen keine persönliche Begleitung durch Eltern oder pädagogische Fachkräfte.
Aber sie können Gespräche eröffnen, die ohne eine Geschichte möglicherweise gar nicht zustande gekommen wären.
Manchmal benötigt ein Kind keine lange Erklärung darüber, wie man mit Angst, Trauer oder Enttäuschung umgeht. Manchmal hilft ihm eine Geschichte, in der es sich selbst wiedererkennt.
Warum Kindergärten mehr brauchen als moderne Ausstattung
Ich halte es grundsätzlich für richtig, dass sich Kindergärten mit neuen pädagogischen Ansätzen und technischen Möglichkeiten beschäftigen.
Unsere Gesellschaft verändert sich, und Bildungseinrichtungen müssen auf diese Veränderungen reagieren.
Trotzdem frage ich mich gelegentlich, ob wir bei all der Begeisterung für moderne Technik nicht Gefahr laufen, einige grundlegende Bedürfnisse von Kindern zu unterschätzen.
Ein Kindergarten wird nicht allein dadurch zu einer besseren Bildungseinrichtung, dass er über Tablets, digitale Tafeln oder besonders moderne Lernprogramme verfügt.
Entscheidend bleibt für mich, was Kinder dort tatsächlich erleben.
Finden sie Erwachsene, die ihnen aufmerksam zuhören? Haben sie genügend Raum, selbst kreativ zu werden? Können sie ihre Umwelt entdecken und gemeinsam mit anderen Kindern Erfahrungen sammeln?
Und gibt es Orte, an denen sie einfach ein Buch anschauen dürfen, ohne dass daraus unmittelbar eine pädagogische Aufgabe entstehen muss?
Ich wünsche mir Kindergärten, in denen Bücher selbstverständlich zum Alltag gehören.
Nicht ordentlich verschlossen in einem Schrank, sondern sichtbar und erreichbar.
Bücher sollten neugierig machen, zum eigenständigen Betrachten einladen und immer wieder Anlass für gemeinsame Gespräche bieten.
Ein gemütlicher Platz mit einem Bücherregal, einigen Kissen und sorgfältig ausgewählten Bilderbüchern kann pädagogisch wertvoller sein als manches technisch aufwendige Angebot.
Denn die Bedeutung einer Lernumgebung hängt nicht allein von ihrem Anschaffungspreis ab.
Sie hängt davon ab, welche Erfahrungen sie Kindern ermöglicht.
Die Grundschule darf das Lesen nicht auf Leistung reduzieren
Mit dem Übergang vom Kindergarten in die Schule verändert sich für Kinder vieles.
Aus dem gemeinsamen Betrachten und Zuhören wird nach und nach das eigenständige Lesen.
Buchstaben müssen erkannt, Wörter zusammengesetzt und ganze Texte verstanden werden.
Das ist eine große Entwicklungsleistung.
Was mir dabei besonders wichtig erscheint: Kinder dürfen die Freude an Geschichten nicht verlieren, nur weil das Lesen nun bewertet wird.
Natürlich müssen Grundschulen überprüfen, welche Fortschritte Kinder machen. Lesen ist eine grundlegende Fähigkeit, ohne die viele weitere Bildungswege erschwert werden.
Doch ich glaube, dass wir einen Fehler machen, wenn wir Lesen ausschließlich über Geschwindigkeit, richtige Aussprache und Fehlerzahlen betrachten.
Ein Kind kann technisch korrekt lesen, ohne Freude daran zu empfinden.
Und ein anderes Kind, das beim Lesen noch Schwierigkeiten hat, kann eine außerordentlich große Begeisterung für Geschichten besitzen.
Beide Seiten müssen berücksichtigt werden.
Ich halte es deshalb für wichtig, dass Schulen nicht nur das Lesen lehren, sondern auch die Liebe zu Büchern fördern.
Kinder benötigen Geschichten, die sie interessieren und die sie aus eigenem Antrieb weiterlesen möchten.
Nicht jeder Junge begeistert sich für Abenteuer und nicht jedes Mädchen für Tiergeschichten. Interessen sind individuell, und genau diese Vielfalt sollte sich im Bücherangebot widerspiegeln.
Wenn ein Kind aus eigenem Antrieb nach einem Buch greift, weil es unbedingt wissen möchte, wie eine Geschichte weitergeht, ist bereits etwas sehr Wertvolles erreicht.
Denn dann wird Lesen nicht mehr ausschließlich als schulische Verpflichtung wahrgenommen.
Es entwickelt sich zu einer Fähigkeit, die das Kind für sich selbst nutzen möchte.
Konzentration ist eine Fähigkeit, die wir bewusst fördern sollten
Eine weitere wichtige Bedeutung von Büchern sehe ich in der Förderung von Aufmerksamkeit und Ausdauer.
Unser Alltag ist zunehmend von kurzen Informationen und schnellen Wechseln geprägt.
Nachrichten erscheinen auf Bildschirmen, Videos dauern häufig nur wenige Sekunden, und neue Inhalte stehen jederzeit zur Verfügung.
Erwachsene merken selbst, wie schwer es manchmal geworden ist, sich längere Zeit ausschließlich mit einer Sache zu beschäftigen.
Bei Kindern sollten wir deshalb besonders darauf achten, ihnen auch Erfahrungen zu ermöglichen, die nicht auf schnelle Reizwechsel ausgerichtet sind.
Eine Geschichte verlangt Aufmerksamkeit.
Um sie zu verstehen, müssen Kinder Zusammenhänge erkennen, sich an frühere Ereignisse erinnern und den weiteren Verlauf verfolgen.
Das geschieht nicht zwangsläufig von Anfang an über längere Zeiträume.
Ein dreijähriges Kind hat andere Voraussetzungen als ein achtjähriger Grundschüler.
Aber gerade das wiederholte, altersgerechte Beschäftigen mit Geschichten kann helfen, längere Phasen gemeinsamer Aufmerksamkeit zu entwickeln.
Ich sehe darin eine wichtige Vorbereitung auf viele spätere Herausforderungen.
Denn wer lernt, sich in Ruhe mit einer Geschichte auseinanderzusetzen, sammelt auch Erfahrungen darin, bei einer Aufgabe zu bleiben und sich nicht von jedem neuen Reiz ablenken zu lassen.
Diese Fähigkeit wird in unserer digitalen Gesellschaft keineswegs überflüssig.
Ich glaube vielmehr, dass sie künftig noch wichtiger werden könnte.
Bücher vermitteln Werte, ohne ständig belehren zu müssen
Wenn wir über Bildung sprechen, denken wir häufig an Sprache, Mathematik und Sachwissen.
Doch Kinder müssen auch lernen, wie menschliches Zusammenleben funktioniert.
Was bedeutet es, Rücksicht zu nehmen? Warum sind Menschen unterschiedlich? Wie gehen wir mit jemandem um, der Hilfe benötigt?
Viele dieser Fragen lassen sich durch Geschichten auf eine Weise ansprechen, die Kindern unmittelbar verständlich wird.
Ein Bilderbuch über ein Tier, das aus einer Gruppe ausgeschlossen wird, kann dazu führen, dass Kinder über Freundschaft und Zugehörigkeit nachdenken.
Eine Geschichte über unterschiedliche Familien kann helfen, verschiedene Lebenssituationen kennenzulernen.
Und ein Buch über einen Fehler, den eine Hauptfigur gemacht hat, kann deutlich machen, dass niemand vollkommen sein muss.
Dabei sollten wir vorsichtig sein, Geschichten nicht zu stark auf eine einzige pädagogische Botschaft zu reduzieren.
Kinder sind durchaus in der Lage, eigene Schlüsse zu ziehen.
Ich empfinde es sogar als besonders wertvoll, wenn eine Geschichte unterschiedliche Fragen aufwirft und nicht jede Antwort unmittelbar vorgibt.
Denn Bildung bedeutet auch, selbstständig über das eigene Handeln und das Verhalten anderer nachzudenken.
Nicht jedes Kind hat zu Hause die gleichen Möglichkeiten
Ein Aspekt, der mir besonders wichtig ist, betrifft die Chancengleichheit.
Wir dürfen nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass jedes Kind mit Büchern aufwächst.
Manche Familien besitzen umfangreiche Kinderbuchsammlungen. Dort gehört das Vorlesen ganz selbstverständlich zum Alltag.
Andere Familien haben aus finanziellen, zeitlichen, sprachlichen oder persönlichen Gründen weniger Möglichkeiten, ihren Kindern regelmäßig vorzulesen.
Diese Unterschiede sagen nichts darüber aus, wie sehr Eltern ihre Kinder lieben.
Sie können aber Einfluss darauf haben, welche Erfahrungen Kinder mit Sprache und Literatur sammeln.
Hier tragen Kindergärten und Schulen eine besonders große Verantwortung.
Sie können einen Ausgleich schaffen.
Ein Kind, das zu Hause kaum Bücher erlebt, sollte spätestens im Kindergarten die Möglichkeit erhalten, Geschichten kennenzulernen und Freude daran zu entwickeln.
Bücher dürfen meiner Meinung nach kein Privileg sein, das vom Einkommen oder Bildungsstand der Eltern abhängt.
Sie sollten für jedes Kind zugänglich sein.
Die internationale Bildungsforschung beschäftigt sich seit Langem mit solchen Zusammenhängen. Auch die OECD weist darauf hin, dass Unterschiede beim Zugang zu gedruckten Büchern und anderen kulturellen Bildungsressourcen weiterhin eine Rolle spielen.
Für mich ergibt sich daraus eine klare gesellschaftliche Aufgabe:
Wir sollten dafür sorgen, dass Bücher in Kindergärten und Schulen nicht aus Kostengründen zur Nebensache werden.
Denn wer bereits in jungen Jahren positive Erfahrungen mit Sprache und Lesen sammelt, erhält eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung.
Warum ein gedrucktes Buch eine besondere Erfahrung bleibt
Es gibt einen Aspekt des klassischen Kinderbuches, der sich nur schwer in Zahlen ausdrücken lässt.
Ein gedrucktes Buch ist ein Gegenstand, den Kinder selbst entdecken können.
Sie nehmen es in die Hand, betrachten das Cover, schlagen es auf, blättern vor und zurück und bleiben bei einem Bild stehen, das sie besonders interessiert.
Sie können es am nächsten Tag wiederholen, mit anderen Kindern teilen oder sich von einem Erwachsenen noch einmal vorlesen lassen.
Gerade bei jüngeren Kindern finde ich diese unmittelbare Erfahrung wichtig.
Bücher werden nicht ausschließlich durch ihren Inhalt erlebt. Auch der Umgang mit ihnen gehört dazu.
Das Umblättern, das Entdecken einer neuen Seite und das Wiedererkennen vertrauter Illustrationen können Teil eines persönlichen Rituals werden.
Natürlich können digitale Bücher ebenfalls wertvolle Leseerfahrungen ermöglichen.
Aber für mich besitzt das klassische Kinderbuch eine besondere Beständigkeit.
Es verlangt keine technische Bedienung und steht jederzeit zur Verfügung.
Ich glaube deshalb nicht, dass wir Bücher als veraltete Medien betrachten sollten, nur weil sich Inhalte heute auch auf Bildschirmen darstellen lassen.
Eine neue Technologie macht eine bestehende Erfahrung nicht automatisch überflüssig.
Digitale Medien und künstliche Intelligenz sind keine Feinde des Buches
Bei aller Überzeugung vom pädagogischen Wert gedruckter Bücher möchte ich eines deutlich machen: Ich halte es nicht für sinnvoll, digitale Medien grundsätzlich abzulehnen.
Kinder werden in einer digitalisierten Gesellschaft aufwachsen.
Sie werden digitale Werkzeuge nutzen, Informationen über elektronische Medien abrufen und sich zunehmend mit künstlicher Intelligenz beschäftigen.
Es wäre aus meiner Sicht falsch, Bildungseinrichtungen von dieser Entwicklung vollständig abzukoppeln.
Aber ebenso falsch wäre es, jeden technischen Fortschritt automatisch als pädagogischen Fortschritt zu betrachten.
Ein Tablet macht eine Geschichte nicht allein deshalb wertvoller, weil es Bilder bewegen oder Texte vorlesen kann.
Umgekehrt ist ein gedrucktes Buch nicht automatisch pädagogisch überlegen, nur weil es aus Papier besteht.
Entscheidend sind der Inhalt, das Alter der Kinder, die Gestaltung des Mediums und die pädagogische Begleitung.
Gerade künstliche Intelligenz eröffnet interessante neue Möglichkeiten.
Sie könnte helfen, individuelle Geschichten für unterschiedliche Altersgruppen zu entwickeln, mehrsprachige Angebote zu schaffen oder Kinder mit besonderen Interessen gezielter anzusprechen.
Auch digitale Bilderbücher können sinnvoll sein, wenn ihre Funktionen das Verständnis unterstützen, anstatt Kinder vom Inhalt abzulenken.
Dennoch sollte die Technik meiner Ansicht nach eine ergänzende Rolle einnehmen.
Nicht die Kinder sollten sich immer stärker an die Möglichkeiten der Technik anpassen müssen. Die Technik sollte so eingesetzt werden, dass sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird.
Gemeinsames Vorlesen ist auch gemeinsame Lebenszeit
Wenn ich darüber nachdenke, weshalb Bücher eine solche emotionale Bedeutung besitzen, komme ich immer wieder zu einem Punkt zurück: der gemeinsamen Zeit.
Ein Erwachsener, der einem Kind vorliest, schenkt ihm nicht nur eine Geschichte.
Er schenkt ihm Aufmerksamkeit.
Er nimmt sich Zeit, hört Fragen zu, erklärt Zusammenhänge und erlebt gemeinsam mit dem Kind eine kleine Reise durch die Fantasie.
Das klingt vielleicht selbstverständlich. Doch in einem Alltag, der häufig von Terminen, Verpflichtungen und digitalen Ablenkungen bestimmt wird, ist diese ungeteilte Aufmerksamkeit keineswegs immer selbstverständlich.
Gerade Kinder brauchen solche Momente.
Sie benötigen das Gefühl, dass ihnen jemand zuhört und dass ihre Gedanken wichtig sind.
Ein Kinderbuch kann dafür einen wunderbaren Anlass schaffen.
Dabei ist es nicht entscheidend, ob eine Geschichte besonders lang ist oder ein Buch besonders teuer war.
Manchmal entsteht aus zehn Minuten gemeinsamen Vorlesens eine Erinnerung, die wesentlich länger bestehen bleibt.
Ich finde, dass wir diesen Wert im gesellschaftlichen Umgang mit Kinderliteratur häufiger hervorheben sollten.
Denn nicht jede Form von Bildung lässt sich durch Leistungstests oder wirtschaftliche Kennzahlen erfassen.
Manche ihrer wichtigsten Wirkungen zeigen sich erst im Laufe eines Lebens.
Was bedeutet die digitale Zukunft für unsere Kinder?
Wenn wir heute darüber sprechen, welche Fähigkeiten Kinder für ihre Zukunft benötigen, fallen häufig Begriffe wie Medienkompetenz, technisches Verständnis oder der richtige Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Diese Fähigkeiten sind zweifellos wichtig.
Aber ich frage mich, ob wir dabei nicht manchmal zu wenig über die Grundlagen sprechen.
Was nützt einem Menschen der Zugang zu nahezu unbegrenztem Wissen, wenn es ihm schwerfällt, komplexe Texte zu verstehen?
Wie soll ein Kind Informationen kritisch hinterfragen, wenn es nicht gelernt hat, Aussagen einzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen?
Und wie sollen junge Menschen eigene Ideen entwickeln, wenn sie überwiegend daran gewöhnt sind, fertige Antworten zu erhalten?
Gerade in einer Welt, in der künstliche Intelligenz zunehmend Texte erstellen und Fragen beantworten kann, wird es wichtig bleiben, selbst zu denken.
Lesen und Sprachverständnis bilden dafür eine wesentliche Grundlage.
Kinderbücher leisten hierzu einen frühen Beitrag.
Sie schaffen Gelegenheiten, Fragen zu stellen, Bedeutungen zu erschließen und eigene Vorstellungen zu entwickeln.
Für mich liegt darin einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir Kinderliteratur gerade im digitalen Zeitalter nicht vernachlässigen dürfen.
Je mehr Antworten uns moderne Technologien liefern, desto wichtiger wird die Fähigkeit, eigene Fragen zu stellen und die Antworten kritisch zu betrachten.
Der Wert eines Kinderbuches lässt sich nicht allein am Preis messen
Wenn Schulen oder Kindergärten über neue Anschaffungen entscheiden müssen, spielen finanzielle Überlegungen zwangsläufig eine Rolle.
Das ist nachvollziehbar.
Bildungseinrichtungen verfügen nicht über unbegrenzte Mittel und müssen sorgfältig abwägen, welche Materialien sie benötigen.
Trotzdem glaube ich, dass der Wert eines Kinderbuches häufig unterschätzt wird.
Ein gut ausgewähltes Buch kann über Jahre hinweg von vielen Kindern genutzt werden.
Es kann immer wieder vorgelesen werden und in unterschiedlichen Altersgruppen zu neuen Gesprächen führen.
Ein Bilderbuch über Freundschaft kann im einen Jahr helfen, einen Konflikt innerhalb einer Kindergartengruppe zu besprechen, und im nächsten Jahr Ausgangspunkt für ein gemeinsames Projekt werden.
Ein Sachbuch über Tiere kann Kinder für die Natur begeistern und zu Fragen führen, mit denen sich eine Gruppe über mehrere Tage beschäftigt.
Ein einzelnes Buch kann dadurch eine erstaunliche pädagogische Reichweite entwickeln.
Dabei muss es sich nicht um besonders aufwendige oder teure Literatur handeln.
Oft sind es die liebevoll gestalteten, verständlichen und gut durchdachten Geschichten, die Kinder besonders ansprechen.
Ich wünsche mir deshalb, dass bei Entscheidungen über die Ausstattung von Kindergärten und Schulen der langfristige Bildungswert stärker berücksichtigt wird.
Ein Buch sollte nicht nur als weiterer Kostenpunkt betrachtet werden.
Es ist eine Investition in Sprache, Kreativität, Wissen und persönliche Entwicklung.
Wir sollten Kindern nicht jede Stille nehmen
Ein Gedanke beschäftigt mich im Zusammenhang mit Digitalisierung besonders.
Wir sind zunehmend daran gewöhnt, dass jederzeit etwas geschieht.
Auf Bildschirmen bewegen sich Bilder, neue Inhalte erscheinen, und häufig wird bereits nach kurzer Zeit die nächste Beschäftigung angeboten.
Doch Kinder benötigen nicht ausschließlich Anregung von außen.
Sie brauchen auch Gelegenheiten, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln.
Manchmal entsteht Kreativität gerade dann, wenn nicht jede Minute verplant und nicht jede Situation durch ein fertiges Medienangebot ausgefüllt ist.
Ein Buch bietet hierfür eine wunderbare Möglichkeit.
Kinder können eine Geschichte betrachten, darüber nachdenken und anschließend selbst weiterspielen.
Vielleicht bauen sie das Schloss aus dem Bilderbuch mit Bauklötzen nach.
Vielleicht malen sie die Hauptfigur oder erfinden eine Fortsetzung.
Aus einer Geschichte wird dann ein eigener kreativer Prozess.
Ich empfinde das als einen der schönsten Aspekte guter Kinderliteratur.
Ein Buch muss nicht alles vorgeben.
Es darf Fragen offenlassen.
Es darf Kinder zum Nachdenken bringen.
Und manchmal darf es einfach nur der Ausgangspunkt für eine Fantasiewelt sein, die Erwachsene niemals vollständig nachvollziehen können.
Welche Verantwortung tragen wir Erwachsenen?
Letztlich liegt es an uns Erwachsenen, welchen Stellenwert Bücher im Leben unserer Kinder einnehmen.
Wir entscheiden darüber, welche Materialien Kindergärten und Schulen zur Verfügung stehen.
Wir gestalten Bildungsangebote und beeinflussen, welchen Umgang Kinder mit Medien kennenlernen.
Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Kinder unsere Entscheidungen nicht immer selbst hinterfragen können.
Wenn wir Bücher zunehmend durch digitale Angebote ersetzen, weil diese moderner erscheinen oder sich einfacher organisieren lassen, treffen wir damit auch eine pädagogische Entscheidung.
Diese Entscheidung sollte gut begründet sein.
Ich wünsche mir einen bewussten und ausgewogenen Umgang mit den verschiedenen Medien.
Kinder sollen die Möglichkeiten moderner Technologien kennenlernen.
Sie sollen aber ebenso erfahren, wie schön es sein kann, gemeinsam ein Buch zu lesen, sich eine Geschichte vorzustellen und eigene Gedanken zu entwickeln.
Für mich gehören diese beiden Welten zusammen.
Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewahren und die Zukunft abzulehnen.
Es geht darum, aus beiden Welten das Beste für unsere Kinder zu nutzen.
Mein persönliches Fazit: Bücher sind kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein Fundament für die Zukunft
Ich bin überzeugt, dass Kinderbücher auch in einer zunehmend digitalen Welt einen unverzichtbaren Platz in Kindergärten und Schulen behalten sollten.
Nicht aus Nostalgie und nicht, weil ich technische Entwicklungen grundsätzlich kritisch betrachte.
Sondern weil Bücher einen Beitrag zu Fähigkeiten leisten können, die für die Entwicklung unserer Kinder von grundlegender Bedeutung sind.
Sie eröffnen sprachliche Welten, fördern Fantasie und Kreativität, bieten Anlässe für Gespräche und helfen Kindern, Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen besser zu verstehen.
Sie können Neugier wecken, Wissen vermitteln und die Freude am selbstständigen Lesen entwickeln.
Vor allem aber schaffen sie Begegnungen.
Zwischen Kindern und Geschichten.
Zwischen Kindern und Erwachsenen.
Und manchmal auch zwischen Kindern und ihren eigenen Gedanken.
Ich halte es für eine unserer wichtigsten Aufgaben, diese Erfahrungen auch zukünftigen Generationen zu ermöglichen.
Wir dürfen Kinder auf die digitale Zukunft vorbereiten, ohne ihnen die wertvollen Erfahrungen einer analogen Kindheit zu nehmen.
Ein Kindergarten benötigt nicht die modernste Technik, um Kindern eine schöne Vorlesestunde zu ermöglichen.
Eine Schule benötigt nicht für jede Geschichte eine digitale Anwendung, um Begeisterung für das Lesen zu wecken.
Und ein Kind benötigt nicht ständig neue Reize, um seine Fantasie zu entfalten.
Manchmal genügt ein Buch, eine gute Geschichte und ein Mensch, der sich die Zeit nimmt, sie gemeinsam mit ihm zu entdecken.
Vielleicht sollten wir den Fortschritt unserer Bildungseinrichtungen deshalb nicht nur daran messen, wie viele digitale Geräte dort eingesetzt werden, sondern auch daran, wie viel Raum wir Kindern noch für Sprache, Fantasie, Kreativität und persönliche Begegnungen geben.
Denn die Fähigkeit, selbstständig zu denken, Geschichten zu verstehen und die Welt mit eigenen Augen zu betrachten, wird durch künstliche Intelligenz nicht weniger wichtig.
Sie könnte sogar zu einer der bedeutendsten Fähigkeiten der kommenden Generationen werden.
Und wenn ein einfaches Kinderbuch dazu beitragen kann, diese Grundlage zu schaffen, dann besitzt es einen Wert, der weit über seine gedruckten Seiten hinausgeht.
Wir sollten unseren Kindern deshalb nicht nur den Zugang zur digitalen Welt eröffnen. Wir sollten ihnen ebenso die Möglichkeit geben, in die Welt der Bücher einzutauchen. Denn wer früh entdeckt, wie wertvoll Geschichten und Wissen sind, hat eine wichtige Grundlage, um seine eigene Zukunft selbstbestimmt zu gestalten.
Ulrich Strobel
Persönlicher Meinungsbeitrag über die pädagogische und gesellschaftliche Bedeutung von Kinderbüchern in einer zunehmend digitalisierten Welt.
Oktober 2026



